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Arbeitsproben Politik |
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Namibia spielt Bäumchen-Wechsel-Dich
In den vergangenen Monaten haben viele deutschstämmige
Namibier mehr telefoniert als sonst. Verwandte oder Freunde
in Deutschland erkundigten sich immer wieder besorgt, wie es
ihnen gehe und ob sie nun planten, die ehemalige deutsche Kolonie
zu verlassen. Anlass waren Berichte in deutschen Zeitungen über
Pläne der namibischen Regierung, die Bodenreform zu beschleunigen
und nun auch damit zu beginnen, Farmen zu enteignen. Die "Welt"
etwa titelte im Oktober: "Namibier wollen Deutsche verjagen",
und der "Spiegel" schrieb i November von einer "Vertreibung
aus der Savanne". Tenor: Den deutschen Farmern in Namibia
drohe ein ähnliches Schicksal wie den Briten in Simbabwe.
Doch in Namibia sitzen weder Deutsche noch deutschstämmige
Namibier scharenweise auf gepackten Koffern. Von Farmbesetzungen
wie in Simbabwe keine Spur. Noch keine Enteignung in Sicht.
Und Forderungen nach Konfiszierung werden von der Regierung
nach wie vor ignoriert. Sind die Berichte also völlig aus
der Luft gegriffen?
Das nicht. Aber Spiegel-Reporterin und Welt-Korrespondent wollen
auch leben und müssen sich dem Diktat der Medienwelt beugen:
Ein zuspitzender Bericht wird eher abgedruckt als eine nüchterne
Analyse. Grund genug, diese Berichte zu hinterfragen: Ist die
Bodenreform wirklich "verpatzt" und die Regierung
"unfähig", wie behauptet? Was heißt "verpatzt"?
Wird kein Land umverteilt? Oder wird mit der Umverteilung nicht
erreicht, was beabsichtigt wurde? Sucht die Regierung nun Sündenböcke
oder versucht sie, nachzubessern - wie jede Regierung, deren
Maßnahmen nicht richtig greifen?
Schon die fünfte Bodenreform
Aber vor allem: Warum überhaupt eine Bodenreform?
Dafür ist ein kurzer Ausflug in die Geschichte nötig,
bei dem man feststellt: Die Swapo-Regierung (South West African
Peoples Organisation) ist nicht die erste Instanz, die hier
eine Bodenreform durchführt. Im 18. bzw. 19. Jahrhundert
ziehen Herero von Norden und Nama von Süden in das Gebiet
und vertreiben die San (Buschleute). Ende des 19. Jahrhunderts
verkaufen Herero und Nama europäischen Siedlern einen Teil
des Landes oder "bezahlen" damit Gewehre und andere
Waren weißer Händler; das deutsche Kaiserreich konfisziert
das Land nach den Kriegen gegen diese Volksgruppen 1904 bis
1907 in großem Stile und verkauft es zu günstigen
Bedingungen an deutsche Siedler. 1919, nach dem I. Weltkrieg,
weist die Besatzungsmacht Südafrika viele deutsche Farmer
aus und lockt südafrikanische Siedler in das Mandatsgebiet.
Und in den Sechziger Jahren enteignet die südafrikanische
Verwaltung im Rahmen des so genannten Odendaal-Planes weiße
Farmen, legt sie zu Reservaten wie Herero-, Damara- oder Namaland
zusammen und weist sie den entsprechenden Völkern zu -
ähnlich den "Homelands", die Südafrika im
Zuge der Apartheid im eigenen Land bildet. In den Städten
entstehen ethnisch getrennte Vororte. Begleitet wird die Landpolitik
von einer bevorzugten Entwicklung der "weißen"
Gebiete und Ortsteile.
Die nördlichen Gebiete Namibias dagegen werden von den
Umverteilungen verschont und bleiben in der Hand der dort lebenden
Völker wie Ovambo oder Kavango. Sie liegen an fließenden
Gewässern und sind überwiegend von höherer Qualität
als das von Europäern besiedelte Gebiet, wo es kaum Oberflächenwasser
gibt und weniger Regen fällt. So eignet sich der größte
Teil des "weißen" Landes nicht für Ackerbau,
sondern nur für Rinderhaltung oder Kleinviehzucht - ein
wesentlicher Unterschied übrigens zu Simbabwe.
Dennoch: Als Namibia 1990 unabhängig wird, ist es geprägt
von ungleich entwickelten Gebieten und großen Einkommensunterschieden;
die Kluft ist weit größer als die zwischen den alten
und den neuen Bundesländern Deutschlands. Die Landverteilung
in Zahlen: Etwa 4.500 kommerzielle Farmer besitzen rund 33 Mio.
ha Nutzfläche, während rund 150.000 Haushalte sich
weitere 33 Mio. ha kommunalen Landes teilen.
Mit Umverteilung Unrecht beseitigen?
Vor diesem Hintergrund zeichnen sich mögliche Motive
und Ziele einer Bodenreform in Namibia ab:
- begangenes Unrecht wieder gutmachen
- die Kluft zwischen Arm und Reich vermindern
- die kommunalen Gebiete entlasten.
Das historische Unrecht führen sowohl Swapo-Politiker als
auch Vertreter der Herero gerne ins Feld - die einen, um als
Sprachrohr der Ovambo die Umverteilung zu rechtfertigen, die
anderen, um die Rückgabe ihres Landes zu fordern, das von
der deutschen Kolonialmacht konfisziert wurde. Doch erweist
es sich in beiden Fällen als wenig stichhaltig: Denn den
Ovambo ist in der Kolonialzeit kein Quadratmeter ihres Landes
genommen worden, und die Herero bleiben eine überzeugende
Antwort auf die Frage schuldig, warum man denn nicht einen Schritt
weitergeht und das ganze Land den San zurückgibt.
Überzeugender ist das zweite Motiv, mit der Bodenreform
die ererbte Ungleichheit zu vermindern und damit den sozialen
Frieden zu sichern. Allerdings stellt sich die Frage, ob eine
Umverteilung des Farmlandes ein geeignetes Mittel ist. Das dritte
Ziel genießt aus Sicht der Swapo-Regierung oberste Priorität,
hängt es doch untrennbar mit ihrem Eigeninteresse zusammen.
Im Norden Namibias lebt das Volk der Ovambo, das mehr als die
Hälfte der Bevölkerung stellt und zur Zwei-Drittel-Mehrheit
der Swapo im Parlament maßgeblich beiträgt. Da die
zu bewirtschaftende Fläche dort besonders knapp ist, muss
die Regierung neues Land in Aussicht stellen, will sie an der
Macht bleiben.
Soweit die rationalen Motive. Viel wichtiger erscheint jedoch
ein emotionaler Beweggrund, den der Swapo-Politiker und Minister
Ben Amathila so formuliert: "Solange das Land bei der weißen
Volksgruppe bleibt, haben wir das Gefühl, dass wir nicht
unabhängig sind." Schwarze Politiker der oppositionellen
DTA (Democratic Turnhallen Alliance) stimmen ihm zu. So verabschiedet
das Parlament 1995 ein Gesetz zur Bodenreform, das auf die Umverteilung
weißen Farmlandes an landlose schwarze Kleinfarmer zielt...
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